Auf den ersten Blick wirkt das Objekt vertraut. Es sieht aus wie ein Kissen – weich, formbar, einladend. Ein Gebrauchsgegenstand, den man kennt, dem man sich ohne große Fragen nähert. Erst beim genaueren Hinsehen beginnt sich diese Selbstverständlichkeit aufzulösen.
Glanz und Streifen
Die Oberfläche besteht aus Streifen, schmal und glänzend, im Wechsel mit roten oder weißen Garnen. Das macht die Oberfläche erstaunlich lebendig.
Je nachdem von welcher Seite man das Objekt betrachtet, rückt die Farbe (rot/weiß) mehr oder weniger in den Blick. Der Glanz zwischen den Garnen entpuppt sich spätestens nach einem Blick auf die Material-Beschreibung als Audiokassettenband.
Magnetband
Ein Material, das lange Zeit Information gespeichert hat: Stimmen, Vorträge, Anleitungen. In diesem Fall stammen sie aus der Unternehmensberatung, aus einer Fortbildungsmaßnahme, die auf Effizienz, Zielorientierung und Optimierung ausgerichtet war. Inhalte, die einst zukunftsgerichtet gedacht waren, sind hier in textile Form überführt worden.

Das Objekt trägt den Titel Der große Absacker. Ein Ausdruck, der beiläufig klingt und zugleich einen Zustand beschreibt: das Nachlassen, das Zur-Ruhe-Kommen, vielleicht auch das Erschöpftsein nach viel Input.
Wissen, das nicht mehr performen muss. Stimmen, die nicht mehr gehört werden. Jetzt ist alles weich und voluminös, verwoben mit Wollgarnen, gefüllt mit Recyclingwatte aus PET-Flaschen.
Was jetzt ist
In der Arbeit spielt Erinnerung eine zentrale Rolle – nicht als nostalgischer Rückblick, sondern als etwas, das materiell gebunden ist. Erinnerung haftet an Dingen, an Trägermedien, an der Substanz. Gleichzeitig wird der Überfluss thematisiert: an Wissen, an Materialien, an Dingen, die ihre ursprüngliche Funktion verloren haben und dennoch weiter existieren.
Transformation
Der große Absacker ist eine Form der Verwandlung. Immaterielle Inhalte werden zu Gewebe, Zweck wird zu Oberfläche, Information zu Textur. Das Kissenhafte des Objekts steht im Kontrast zur Strenge der ursprünglichen Inhalte. Was einst zur Selbstoptimierung gedacht war, entzieht sich nun jeder Verwertungslogik.
Man könnte sich darauf ausruhen. Man könnte es berühren, seine Struktur ertasten, die Spannung zwischen Weichheit und Widerstand spüren. Oder man bleibt einfach stehen und fragt sich, was mit all dem Wissen geschieht, das wir produzieren, speichern und irgendwann nicht mehr brauchen.
Der große Absacker ist weniger ein Kissen als eine Skulptur, in der etwas zur Ruhe gekommen ist.

Beide Arbeiten, Der große Absacker, rot und Der große Absacker, weiß, treten demnächst ihre Reise ins Museum der Stadt Zerbst/Anhalt an, wo die 61.Auflage der „Kulturfesttage Zerbst“ stattfindet.
In der „Tonne“, einem Raum mit ganz besonderer Ausstrahlung, stellen Mitglieder des Kunstvereins Nürtingen aus, darunter auch Tiina Kirsi Kern. Ob beide Arbeiten in der Ausstellung Platz finden, wird sich zeigen.
Link
- Museum der Stadt Zerbst www.stadt-zerbst.de/museum
- Kunstverein Nürtingen www.kunstverein-nuertingen.de